Demokratie in Schieflage: Grundrechte brauchen Transparenz

Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates.

So steht es in Artikel 7 unseres Grundgesetzes. Und damit handelt es sich um eines der Grundrechte in unserer Demokratie. Ein wesentliches Element dieser staatlichen Schulaufsicht ist dabei die Gewährleistung der Unabhängigkeit der Schulen aber auch der schulischen Bildung. Um diese Aufsicht überhaupt wahrnehmen zu können, muss der Staat jederzeit vollumfänglich darüber in Kenntnis sein, was in Schulen stattfindet. Es darf also keine Bereiche geben, die einer Geheimhaltung unterliegen und sich der Aufsicht entziehen.

Die Informationsfreiheitsrechte der Bürger wiederum sollen dazu beitragen, dass der Einzelne in die Lage versetzt wird, an diese bei staatlichen Behörden/Einrichtungen existierenden Kenntnisse zu gelangen und damit staatliches Handeln oder Nichthandeln transparent nachvollziehen zu können. Für das Schulwesen ist dies von elementarer Bedeutung, da dadurch das Vertrauen in die Durchsetzung des oben genannten Grundrechtes hergestellt, gewahrt und gestärkt werden kann. Nur so kann der einzelne Bürger in aufgeklärter Weise feststellen, ob sein in Artikel 7 festgeschriebenes Grundrecht geachtet wird.

Daraus ergibt sich, dass jederzeit öffentlich nachvollziehbar sein muss, wer wann in welchem Umfang Anteil an der konkreten Ausgestaltung des staatlichen Bildungsauftrags in den Schulen hat. Das mag – aus meiner Sicht – wie eine demokratische Selbstverständlichkeit klingen. Doch es gibt Menschen, die das anders sehen oder zumindest eine Haltung an den Tag legen, die diesen Eindruck erwecken kann. Dazu gehören z.B. Vertreter der Konzerne Samsung und Microsoft.

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Das Klassenzimmer als politische Profilierungsplattform

Vor einiger Zeit hatte ich einen Beitrag unter dem Titel „Die LINKE hat’s verstanden“ geschrieben. Ausgangspunkt war ein Bundestagsantrag der Partei mit der Überschrift „Kein Lobbyismus im Klassenzimmer“ unter der Federführung der Abgeordneten Rosemarie Hein. Das war im Sommer 2016.

Seitdem ist nicht nur Zeit ins Land gegangen. Sondern in der Bundestagsfraktion der LINKEN haben mit dem Wechsel der Legislaturperiode auch einige Köpfe gewechselt. Die sich um das Thema verdient gemachte Fr. Hein ist nicht mehr Mitglied der Fraktion. Neu hinzugekommen sind unter anderem Anke Domscheit-Berg und in der Sprecherrolle der bildungspolitischen Verantwortlichkeit sowie ebenfalls neu im Bundestag Birke Bull-Bischoff. Frau Hein hatte sich in ihrem Antrag für die Fraktion ausgehend von wirtschaftlicher Einflussnahme auf diese fokussiert. Aber bereits recht weitsichtig – womöglich auch hinsichtlich der politischen Entwicklung am politisch entgegengesetzten Rand – hat sie folgende Formulierung (auch mit Blick auf ihre Abgeordnetenkollegen lesbar) formuliert:

Die unterschiedlichen Lobbygruppen verfolgen aber nicht nur kommerzielle Zwecke bei der Produktwerbung. Auch weitgehende politische Ansichten oder anderweitige Partikularinteressen sowie eine Verbesserung des Images können ein Grund für lobbyistische Einflussnahme sein. Schülerinnen und Schüler sollen als zukünftige Konsumenten, Wähler, Unterstützer oder Mitarbeiter im Sinne der Lobbygruppen überzeugt werden. Dabei geht der Wirkungskreis über den der Schülerinnen und Schüler hinaus. Auch Lehrkräfte und Eltern können durch Werbung und inhaltliche Meinungsmache nachhaltig beeinflusst werden. (DS 18/8887)

Es geht im vorliegenden Beitrag um „Lobbyismus in Schule“. Allerdings nicht von der häufig diskutierten Seite der Wirtschaft oder Interessensvertretungen aus. Am Beispiel der Linkspartei wird deutlich werden, dass auch PolitikerInnen die Plattform Schule und Klassenzimmer als Bühne zu gebrauchen suchen, um verschiedene Interessen oder Ansichten zu platzieren. An einem konkreten Beispiel möchte ich aufzeigen, wie dies geschieht.

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Unterrichtsmaterial auf Abwegen – Eine Gefahr für OER?

Im Folgenden veröffentliche ich mit freundlicher Genehmigung des Friedrich Verlags meinen in der jüngsten Ausgabe von Computer + Unterricht 108/2017 („Medienethik“) veröffentlichten Artikel „Unterrichtsmaterial auf Abwegen“.

Nach der Veröffentlichung bin ich auf ein Interview von Jöran Muuß-Merholz bei der BertelsmannStiftung aufmerksam geworden („Ein anderes Verständnis von Qualität„). Ich möchte kurz auf einen zu meinem Artikel passenden Absatz eingehen, da mein eigener Beitrag auch fast als vorausgreifende Replik dazu verstanden werden kann. Jöran sagt auf die Frage:

Aber ist das im Hinblick auf die Qualität nicht ein großes Problem?

Ich halte diese Frage für vollkommen überschätzt. Bei den Nicht-OER war auch dies nie ein großes Thema. Es wird bei Schulbüchern zwar häufig auf deren Zulassung hingewiesen, aber dabei ging es nie um deren Qualität, sondern nur um die Passung zum Lehrplan. Zweitens haben Arbeitsblätter inzwischen das Schulbuch als wichtigstes Unterrichtsmaterial abgelöst – und die werden überhaupt nicht zertifiziert oder geprüft. Und schließlich unterscheidet sich das Qualitätsverständnis von Lehrern erheblich von jenem in den Fachdebatten. Wenn man Lehrer heimlich beobachten würde, würde man vermutlich fest- stellen: Ein Großteil der Recherche beruht auf einer Google-Suche und der Abwägung, ob das gefundenen Material zum didaktischen Zweck passt. „Quality is fitness for purpose“, wie es im Englischen so schön prägnant heißt.

Zunächst wird argumentativ angeführt, dass es bei Nicht-OER – und insbesondere Schulbüchern – im Rahmen der Zulassung nie um Qualität ging. Dies ist aus meiner Sicht so nicht richtig, da bei der Zulassungsprüfung schon z.B. darauf geachtet wurde, dass Werbefreiheit gewährleistet ist. Ich erinnere mich an Gespräche mit Autoren/Mitarbeitern von Schulbüchern, die davon berichteten, auf Mängel (z.B. Nennung einer Fluggesellschaft in einem Englischbuch) hingewiesen worden zu sein. Andererseits besteht durch die Verlage natürlich eine Art vorauseilende Qualitätskontrolle bevor diese Schulbücher (in Kenntnis der evtl. kritischen Kriterien) zur Zulassung einreichen.

Der zweite Punkt, dass Arbeitsblätter in ihrer Bedeutung massiv zunehmen und dort keinerlei Prüfung stattfindet, ist richtig. Zugleich ist dies aber doch genau das Problem, wie im Beitrag unten näher ausgeführt. Wir haben eine Schwierigkeit mit lobbyistischer und werbender Einflussnahme über freie Unterrichtsmaterialien, so dass dies aus meiner Sicht keineswegs als Argument herhalten kann/sollte, dass die Qualitätsfrage überbewertet sei. Ganz im Gegenteil besteht für die OER-Entwicklung die einzigartige Chance, dieses Problem früh- und rechtzeitig zu erkennen, anzugehen und zu lösen. Es zu ignorieren, wäre aus meiner Sicht in Kenntnis der aktuellen Diskussion nahezu fahrlässig und könnte mittelfristig zum Vertrauensverlust in die grundsätzlich gute OER-Idee führen.

Mit dem dritten Punkt bestätigt Jöran genau die Erkenntnis der in meinem Beitrag genannten Schulmarketingagentur. In der massiven zeitlichen Überlastung vieler Lehrer mag das beschriebene Szenario der Google-Suche mit Abwägung der oberflächlichen Passung durchaus zutreffen. Wenn ich selber (im Rahmen meines privaten Engagements) freie Unterrichtsmaterialien mit Verdacht auf lobbyistische Einflussnahme prüfe, dauert dies so unverhältnismäßig lange, dass ich dies im Alltag in der Form nicht leisten könnte. Und schon gar nicht von Kolleg*innen erwarten kann. Es wäre interessant zu erfahren, wie lange/umfangreich eine Materialprüfung z.B. im Rahmen der Arbeit des „Materialkompass“ dauert. Doch auch hier wäre es doch fahrlässig, zu erkennen, dass Lehrer*innen im überlasteten Alltag die zunehmende Schwemme an Unterrichtsmaterialien kaum mehr adäquat bewältigen können, und daraus zu folgern, dass die Frage der Qualitätsprüfung überbewertet sei.

Was daraus folgt und wie bedeutsam das aktuelle Zeitfenster innerhalb der OER-Entwicklung und eine „Monitoringstelle“ aus meiner Sicht für eine Beschäftigung mit der Frage der Qualitätsprüfung ist, folgt aus dem nun folgenden Beitrag (für Zitate und als Referenz gilt weiterhin die oben genannte Erstveröffentlichung des Friedrich Verlags):→ weiterlesen

Ihr Kinderlein kommet…

… zu Porta her kommet.

Das mag so oder so ähnlich die Idee der Marketingagentur gewesen sein, als man sich die Aktion „Helm Auf“ für den Kunden Porta (Möbel) ausdachte. „Wir machen Marken erlebbar“, heißt es als Slogan auf der Startseite der Werber, die für Porta Grundschüler ins Visier genommen haben. Herausgekommen ist eine Aktion, die für mich mehr als deutlich aufzeigt, was man unter Schulmarketing zu verstehen hat.

Die Zutaten sind dabei recht einfach:

  • Ein Unternehmen, das sich engagiert – und mutmaßlich en passant sein Image („soziales Gewissen“) aufbessern und  auch ein paar Kunden generieren möchte.
  • Ein Thema, das unverfänglich daher kommt.
  • Ein „Türöffner“ – am besten in Form einer ansonsten angesehenen, unverdächtigen Stiftung.

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ZDF-Doku zu PISA und Ökonomisierung

Unter dem Titel „Der schiefe Plan von PISA!“ sendete das ZDF am 14. Juni in dem Format „ZDFZoom“ eine halbstündige Dokumentation zu den Folgen der PISA-Tests auf das Bildungssystem. Dabei wird auch der generelle Trend zu einer Ökonomisierung der Bildung sowie deren treibende Akteure (z.B. OECD, BertelsmannStiftung) in den Blick genommen.

Zur Sendung (Video verfügbar bis 14.06.2018, 18:00)

Der ständige Blick auf Vergleichstests, Rankings und Wettbewerb aber führe zu einer starken Technokratisierung und wissenschaftlichen Vermessung von Bildung, beklagen Kritiker. Statt um individuelle Stärken und Schwächen von Schülern gehe es um Output und Effizienz und gute Noten auf dem Papier. „Seit PISA wird alles dem Gedanken untergeordnet, dass ein Schulsystem wettbewerbsfähig sein muss, und zwar ähnlich wie ein Wirtschaftssystem“, kritisieren Pädagogen.

Was steckt dahinter, wer profitiert von einem solchen Schulsystem? „ZDFzoom“ blickt hinter die Kulissen und deckt auf, dass es dabei nicht nur um die Bildung und das Wohl der Kinder geht.

OpenRoberta ziemlich verschlossen

Wie Google die Klassenräume übernimmt“, titelt jüngst die New York Times und berichtet, wie der IT-Konzern systematisch das US-amerikanische Schulsystem durchdringt. Da ist man beeindruckt, wie massiv auf der anderen Seite des Atlantiks „Lobbyismus in Schule“ bis hin zur direkten Werbung und Kundenbindung im Klassenzimmer vorangeschritten ist. Und man mag sich etwas zurücklehnen und denken: „Soweit ist es in Deutschland noch lange nicht“. Doch ist dies tatsächlich so? Oder hinken wir – wie uns in Sachen „Digitalisierung der Bildung“ immer wieder einzuflüstern versucht wird – auch in dieser Hinsicht den USA ein paar Jahre hinterher?

Auf dem Bildungskongress der GEW Hessen am 30. Mai 2017 hat Prof. Tim Engartner von der Goethe-Universität Frankfurt/Main sehr deutlich darauf verwiesen, dass aus seiner Sicht und wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Problematik der Einflussnahme Dritter auf Bildung, Schule und schließlich den einzelnen Unterricht die Digitalisierung derzeit einer der deutlichsten Bereiche ist, in denen derartige Tendenzen zu erkennen sind. Wenn Google an die Schultüren klopft, sollte doch jeder Schulleitung und schließlich jede/r LehrerIn wachsam werden. Aber was passiert, wenn Google gar nicht selber anklopft, sondern anklopfen lässt? Und was passiert, wenn es zunächst gar nicht um den direkten Vertrieb eigener Produkte geht, sondern darum, eine Haltung/Mentalität zu etablieren, die den entsprechenden Markt überhaupt erst öffnet? In diesem Fall handelt es sich um eine Form des „deep lobbying“, wie Lobbycontrol diese in Schulen zunehmend zu beobachtende Form der Einflussnahme bezeichnet:
„Deep lobbying zielt darauf ab, die öffentliche Meinung langfristig in eine bestimmte Richtung zu lenken. Schulen sind dafür ein besonders geeigneter Ort, denn – so die Hoffnung der Lobbyisten – die Beeinflussung von Kindern wirkt ein Leben lang. Schulen sind in diesen Fällen nur Mittel zum Zweck. Das eigentliche Ziel ist die Politik, denn diese lässt sich einfacher für Konzern-Belange einspannen, wenn das Unternehmen auf Zustimmung in der Bevölkerung und seinen guten Ruf verweist.“
2014 verkündet Google, dass man das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS) mit einer Millionen Euro im gemeinsamen Projekt „OpenRoberta“ unterstütze. Dabei geht es darum, dass SchülerInnen „mit dieser neuen cloudbasierten Plattform lerne[n], LEGO® MINDSTORMS® Roboter  ganz einfach zu programmieren, sowie diese Roboter mit mobilen Geräten zu steuern“. Diese Investitionen tätigt Google über Google.org, die bereits seit 2012 253.000$ an die Fraunhofer-Gesellschaft für OpenRoberta gezahlt haben. Sind das also schon mehr als eine Millionen Euro von Google im Fraunhofer-Projekt? Sind da vielleicht inzwischen noch mehr Euro geflossen? Wer zahlt noch in das Projekt ein? Ist es am Ende vollständig und alleine von Google finanziert? Gäbe es das Projekt überhaupt und noch, wenn Google nicht (weiter) zahlen würde? Besteht da eine finanzielle Abhängigkeit – was bei dieser Größenordnung denkbar wäre?

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Marketing macht Schule

Am 08.03.2017 wird der Kulturpolitische Ausschuss des hessischen Landtags mit einem Schwerpunkt das Thema „Werbung in Schule“ am konkreten Beispiel von Speed4 thematisieren. Ausgang dafür ist die Anfrage der SPD-Landtagsfraktion (PDF-Datei). Dabei handelt es sich um eine GmbH, die über die Durchführung von Laufwettbewerben an Schulen versucht, Kunden für ihre jeweiligen, regionalen Werbepartner zu generieren. Am Hamburger Beispiel berichtete bereits das NDR-Recherchemagazin „Panorama“ im folgenden Video und erneut mit dem auf der NDR-Homepage zu findenen Beitrag:

Der offen kommunizierte „Marketingfaktor“ sieht wie folgt aus:

Wahrnehmung der Sponsoren als Förderer des Sports und der Gesundheit von Kindern bei Schulen, Eltern, Politikern und generell in der Presse.

Abspeicherung des Sponsors im Kopf des Kindes durch das erfolgreiche und emotionale Erlebnis.

Völlig neues Kundenbindungsinstrument, welches dafür sorgt, dass jedes Kind + Eltern zu Ihnen geführt wird.

Der folgende Beitrag von mir ist erstmalig am 23.02.2017 auf der Homepage der GEW-Hessen erschienen und wird hier übernommen:

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Gemeinnützigkeit als Türöffner

Das war eine Schlagzeile: „Dieser Computer kann unser Schulsystem revolutionieren„. Ein Unternehmer und sein kleines Team schon erstaunlich weit. Das Produkt des Unternehmens schon in wenigen Monaten für jeden saarländischen Drittklässler – und das ist erst der Anfang.

Dass dies übertrieben war, erkannte jeder, der sich seit ein paar Jahren im Bildungssystem bewegt. Dass unsere Demokratie und föderales Bildungssystem so nicht funktioniert, weiß jeder, der mit eigenen Projekten im eigenen Bundesland unterwegs ist. Wer – wie ich seit über 10 Jahren – intensiv die Digitalisierung der Schulbildung begleitet, wusste, dass es sich um einen weiteren, spannenden Vorstoß unter vielen handeln mag. Doch dann kam der IT-Gipfel im letzten November – und damit war klar: Calliope ist anders. Dabei handelt es sich um einen branchendominierten Kongress, auf dem man – initiiert vom Bundeswirtschaftsministerium (siehe hierzu weiter unten) – über die Zukunft der Digitalisierung in Deutschland beraten möchte. Auf diesem Gipfel wurde das Produkt der Calliope gGmbH erstmalig, öffentlich vorgestellt. Auffällig für mich war unter anderem das Pressefoto des Ministeriums (Bild via BMWi) auf dem die Tochter eines der maßgeblichen Gesellschafter umringt von Politikern und Gründern das eigene Produkt präsentierte.

Seitdem verdichtete sich die anfängliche Verwunderung zu Erkenntnissen. Ich möchte aber auch vorausschicken, dass sich die Recherchen noch im laufenden Prozess befinden. Anfragen an Ministerien, Ämter, Unternehmen, Politiker noch offen sind und ausstehen. Dennoch gibt es einen Zwischenstand, den ich hier etwas sortieren möchte – betont vorläufig.

Das Ministerium für Bildung und Kultur im Saarland

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EdChatDe zu Lobbyismus in Schule

Update (12.07.2016, 23:30 Uhr): Ein Archiv des #EdChatDe-Tages (inkl. Ankündigungen und Vorbereitung) findet man hier. Der eigentliche chat starte um 20 Uhr (also etwas scrollen).

Update (12.07.2016, 23:50 Uhr): Wer eine statistische, grafische Auswertung mag, findet diese hier (PDF).


Am heutigen 12.07.2016 ab 20 Uhr moderiere ich zusammen mit Paul Wege (@steinsfreiherr) unter @bildungsradar das 2. SummerSpecial des EdChatDe. Dabei handelt es sich um einen Austausch unter twitternden Bildungsinteressierten mit einem Schwerpunkt auf schulischer Bildung. Unter dem Hashtag #EdChatDe kann man auch heute Abend wieder die Diskussion verfolgen. Wir ergänzen und führen den weiteren Hashtag #Lobbyismus_in_Schule ein.

Zur Vorbereitung stelle ich hier bereits die (inhaltlichen) Fragen online und freue mich auf zahlreiche Teilnehmer:

F1: Zur Definition: Gibt es Unterschiede/Gemeinsamkeiten zwischen #Lobbyismus_in_Schule und dem bekannten Lobbyismus in Politik? #EdchatDE

F2: Beispiele: In welcher Form ist Dir bereits Einflussnahme auf Lehrkräfte oder Lernende begegnet? #EdchatDE

F3: Unterrichtsmaterial von Unternehmen, Parteien & Vereinen: Lehrkraft als alleiniger Gatekeeper oder braucht es Unterstützung? #EdchatDE

F4: Vom millionenschweren ThinkTank zum regionalen Demeter-Hof: Alle Interessen gleichberechtigt in Schule lassen (und wie?)?

(…)

F6: Unterstützung aus der Wirtschaft ist toll! Endlich Gesamtschulen & Auftrag von Schule erfüllt! Oder doch nicht? #EdChatDe

F7: Welche Handlungsmöglichkeiten gegen einseitige/tendenziöse Einflussnahme auf Schule & Bildung gibt es? Wie (re)agieren? #EDchatDE

F8: Welche Anregungen, Fragen hast du sonst noch zum Thema #Lobbyismus_in_Schule“? #EdchatDE

Zur Vorbereitungkann man einen Blick auf folgende Links werfen:

 

Soziologenverband kritisiert Wirtschaftslobbyismus in Schule

Tim Engartner nennt es den „Kampf um die Köpfe unserer Kinder„. Hier im Blog wurde bereits auf verschiedene Strategien lobbyistischer Einflussnahme hingewiesen. Die deutsche Gesellschaft für Soziologie, die nach eigener Auskunft ungefähr vier Fünftel aller promovierten Soziologinnen und Soziologen Deutschlands vertritt, formuliert ihre Kritik bereits im Januar 2016 recht deutlich und pointiert. Da hier eine Paraphrasierung zu kurz greifen würde, übernehme ich die öffentliche Stellungnahme im Wortlaut:

Ökonomische Bildung steht hierzulande hoch im Kurs – ebenso wie die Bemühungen, sie von sozialwissenschaftlicher Einbettung freizuhalten. Im Herbst letzten Jahres hatte die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände den bemerkenswerten Versuch unternommen, durch Intervention beim Bundesinnenministerium ein Verbreitungsverbot des von der Bundeszentrale für Politische Bildung herausgegebenen Themen- und Materialienbandes „Ökonomie und Gesellschaft“ zu erwirken. Parallel dazu wurden und werden in Baden-Württemberg heftige öffentliche Diskussionen um den umstrittenen, von der rot-grünen Landesregierung vorgelegten Bildungsplan zum Schulfach „Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung an allgemeinbildenden Gymnasien“ geführt. Darin ist eine umfangreiche Einführung in Wirtschaftsprozesse und wirtschaftliches Handeln vorgesehen, deren Stundenkontingent zu Lasten der Vermittlung sozialwissenschaftlicher Perspektiven im Allgemeinen und auch spezifischer soziologischer Bildung im Speziellen geht. Entsprechende Entwicklungen deuten sich auch in den Lehrplänen anderer Bundesländer an. Umso relevanter erscheint eine jüngst veröffentlichte Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Ökonomische Bildung, die sich für ideologiefreie Unterrichtsbeiträge ausspricht, den Vertretern und Vertreterinnen der sozialwissenschaftlich ausgerichteten sozioökonomischen Bildung aber im selben Atemzug die „wissenschaftliche Dignität“ ihrer Position abspricht.

Angesichts der intensiven lobbyistischen Aktivitäten von Wirtschaftsverbänden und Wirtschaftsbildungsorganisationen hält es die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) für geboten, ihrerseits in die Debatte zu intervenieren. Denn es soll zwar nicht angezweifelt werden, dass solide Grundkenntnisse ökonomischer Prozesse wichtig sind, um Schülerinnen und Schülern Analyse- und Handlungskompetenzen zu vermitteln, die für das Leben in einer zunehmend ökonomisierten Gesellschaft unabdingbar sind. Gleichzeitig betrachtet die DGS jedoch erstens mit großer Sorge, wenn im Wirtschaftslehreunterricht die weitgehende oder gar ausschließliche Vermittlung binnenökonomischer Perspektiven angestrebt wird. Diese Fachkonzeption stößt in einem Unterrichtsfach „Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung“ schon allein deshalb an Grenzen, weil bei der Berufsorientierung die Hinzuziehung soziologischer Theorien und empirischer Befunde unerlässlich ist. Die Berücksichtigung der sozialen Mechanismen, komplexen Voraussetzungen, Einbettungen und Folgen von ökonomisch geprägten Problemen und Lebenssituationen ist in der ökonomischen Bildung unverzichtbar. Die Soziologie verfügt über eine breite und anerkannte Expertise in der Analyse ökonomischer Prozesse, die für eine wissenschaftsorientierte Auseinandersetzung mit ökonomischen Inhalten an Schulen und die Beförderung entsprechender praktischer Kompetenzen grundlegend ist. Mit ebenso großer Sorge stellt die DGS vor diesem Hintergrund zweitens fest, dass die Anteile soziologischer Lern- und Bildungsinhalte unter anderem durch die Aufnahme des neuen Faches Wirtschaft noch weitgehender marginalisiert werden, als sie dies ohnehin bereits sind. Dies betrifft im Grundsatz auch andere sozialwissenschaftliche Disziplinen, wenn auch im Einzelfall in weitaus geringerem Maße.

Diese, durch politische Vorgaben angestoßene und durch massive Interventionen von Interessenverbänden beförderte Entwicklung hat fatale Folgen für das an den Schulen vermittelte Grundverständnis der Herausforderungen, vor denen unsere Gesellschaft gegenwärtig steht. Soziologisches Wissen lässt sich nicht, wie sich etwa jetzt in Baden-Württemberg abzeichnet, auf einige wenige Stunden der Vermittlung von Kenntnissen über private Lebensführung und Identitätsbildung reduzieren – jedenfalls nicht ohne spürbare negative Folgen sowohl für die Reflexionsfähigkeit der Schüler/innen als auch für ihre Fähigkeiten zum praktischen Handeln. Die weitreichenden gesellschaftlichen Umbrüche, mit denen jungen Bürger/innen sich in Zukunft konfrontiert sehen werden – flexibilisierte Arbeitsmärkte und demographischer Wandel, Prozesse der Globalisierung und ökologischen Transformation, Folgen der Digitalisierung und des technologischen Wandels, die sozialen Realitäten von Interkulturalität, Migration und Flucht –, lassen sich nur dann angemessen bewältigen, wenn in der schulischen Bildung dazu ein breites, gesellschaftswissenschaftlich fundiertes Verständnis von sozialen Prozessen und Mechanismen, Strukturen und Akteuren dieser Entwicklung vermittelt wird. Wir möchten daher an die politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger der Bundesländer im Allgemeinen und, bezogen auf die aktuelle Diskussion in Baden-Württemberg, an den Ministerpräsidenten des Landes Herrn Winfried Kretschmann, den Minister für Kultus, Jugend und Sport Herrn Andreas Stoch und die Bildungspolitiker und Bildungspolitikerinnen des Landes BW appellieren, sowohl die soziale Dimension ökonomischer Prozesse als auch den unverzichtbaren soziologischen Beitrag zum Verständnis unserer Gesellschaft (wieder) deutlich stärker im Unterricht zu verankern, als dies gegenwärtig der Fall ist. Dies wäre ein wichtiger Beitrag nicht nur zum didaktischen Pluralismus, sondern auch zur zukünftigen Gestaltungsfähigkeit der Gesellschaft.