OpenRoberta ziemlich verschlossen

Wie Google die Klassenräume übernimmt“, titelt jüngst die New York Times und berichtet, wie der IT-Konzern systematisch das US-amerikanische Schulsystem durchdringt. Da ist man beeindruckt, wie massiv auf der anderen Seite des Atlantiks „Lobbyismus in Schule“ bis hin zur direkten Werbung und Kundenbindung im Klassenzimmer vorangeschritten ist. Und man mag sich etwas zurücklehnen und denken: „Soweit ist es in Deutschland noch lange nicht“. Doch ist dies tatsächlich so? Oder hinken wir – wie uns in Sachen „Digitalisierung der Bildung“ immer wieder einzuflüstern versucht wird – auch in dieser Hinsicht den USA ein paar Jahre hinterher?

Auf dem Bildungskongress der GEW Hessen am 30. Mai 2017 hat Prof. Tim Engartner von der Goethe-Universität Frankfurt/Main sehr deutlich darauf verwiesen, dass aus seiner Sicht und wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Problematik der Einflussnahme Dritter auf Bildung, Schule und schließlich den einzelnen Unterricht die Digitalisierung derzeit einer der deutlichsten Bereiche ist, in denen derartige Tendenzen zu erkennen sind. Wenn Google an die Schultüren klopft, sollte doch jeder Schulleitung und schließlich jede/r LehrerIn wachsam werden. Aber was passiert, wenn Google gar nicht selber anklopft, sondern anklopfen lässt? Und was passiert, wenn es zunächst gar nicht um den direkten Vertrieb eigener Produkte geht, sondern darum, eine Haltung/Mentalität zu etablieren, die den entsprechenden Markt überhaupt erst öffnet? In diesem Fall handelt es sich um eine Form des „deep lobbying“, wie Lobbycontrol diese in Schulen zunehmend zu beobachtende Form der Einflussnahme bezeichnet:
„Deep lobbying zielt darauf ab, die öffentliche Meinung langfristig in eine bestimmte Richtung zu lenken. Schulen sind dafür ein besonders geeigneter Ort, denn – so die Hoffnung der Lobbyisten – die Beeinflussung von Kindern wirkt ein Leben lang. Schulen sind in diesen Fällen nur Mittel zum Zweck. Das eigentliche Ziel ist die Politik, denn diese lässt sich einfacher für Konzern-Belange einspannen, wenn das Unternehmen auf Zustimmung in der Bevölkerung und seinen guten Ruf verweist.“
2014 verkündet Google, dass man das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS) mit einer Millionen Euro im gemeinsamen Projekt „OpenRoberta“ unterstütze. Dabei geht es darum, dass SchülerInnen „mit dieser neuen cloudbasierten Plattform lerne[n], LEGO® MINDSTORMS® Roboter  ganz einfach zu programmieren, sowie diese Roboter mit mobilen Geräten zu steuern“. Diese Investitionen tätigt Google über Google.org, die bereits seit 2012 253.000$ an die Fraunhofer-Gesellschaft für OpenRoberta gezahlt haben. Sind das also schon mehr als eine Millionen Euro von Google im Fraunhofer-Projekt? Sind da vielleicht inzwischen noch mehr Euro geflossen? Wer zahlt noch in das Projekt ein? Ist es am Ende vollständig und alleine von Google finanziert? Gäbe es das Projekt überhaupt und noch, wenn Google nicht (weiter) zahlen würde? Besteht da eine finanzielle Abhängigkeit – was bei dieser Größenordnung denkbar wäre?

Das Kultusministerium in meinem Bundesland Hessen (aber auch dessen Äquivalente in anderen Bundesländern) betonen stets, dass der einzelne Schulleiter und einzelne Lehrer bei solchen Projekten in der eigenen Schule dafür zu sorgen hat, sicher zu stellen, dass es nicht zu einer einseitigen Einflussnahme, Werbung oder Sponsoring mit den zuvor genannten Absichten kommt. Der Lehrer ist letztlich der alleinige und einzige „Gatekeeper“, wie inzwischen auch mehrere parlamentarische Anfragen zu konkreten Fällen von „Lobbyismus in Schule“ verdeutlichen. Die Antwort des Ministeriums ist stets: Das müssen die Schulen/Lehrer selber beurteilen.

Keine Transparenz von Fraunhofer

Deshalb habe ich beim Fraunhofer IAIS angefragt – konkret: „Wann hat welcher Projektbeteiligte und/oder Dritte eine finanzielle Zahlung (unabhängig der rechtlichen Form) an/für das OpenRoberta-Projekt geleistet? Können Sie dazu eine Übersicht geben?“
Zurück kam eine freundliche Antwort: „Gerne kann ich Ihnen in einem Telefonat einen detaillierten Einblick in die Projektfinanzierung und die damit verbundenen Entwicklungen bei Roberta/Open Roberta geben.“
Das klang sehr positiv, ich rief an und erhielt als Auskunft, dass das nicht so einfach sei. Man müsse bei den Projektpartnern anfragen, ob man Transparenz herstellen dürfe. Es gebe da intern beim Fraunhofer IAIS Schwierigkeiten und es müsse erst die Rechtsabteilung befragt werden. Auch wurde angeführt, dass man ja vielfältige Projekte habe und da evtl. auch Forschungsprojekte/-geheimnisse betroffen seien. Aber ich wollte doch nur Auskunft zum Projekt OpenRoberta, mit dem man in staatliche Schulen geht. Es wurden telefonisch Teilzahlungen angedeutet, die man aber noch nachschauen müsse, die nicht bestätigt seien, so dass ich sie hier nicht zitieren kann. Diese bewegten sich in der Größenordnung aber im sehr geringen Bereich (weniger als 3 Partner wurden genannt) und spielten sich im jeweils angedeuteten finanziellen Umfang sehr, sehr deutlich unterhalb der von Google bekannten Größenordnung ab.
Zum Zeitpunkt dieses Blogbeitrags, der inzwischen deutlich nach der ersten, offiziellen Anfrage liegt, liegt mir keine konkrete Antwort auf die gestellte Transparenzanfrage vor. Es ist somit intransparent, wer alles am OpenRoberta-Projekt beteiligt ist, wieviel und wann gezahlt wurde – falls es überhaupt wesentliche Geldgeber neben Google geben sollte.
Zu vermuten ist, dass Google OpenRoberta finanziell massiv dominiert. Es macht zudem den Eindruck, dass das gesamte Projekt von Google abhängig ist, was auch mein Gesprächspartner im Fraunhofer IAIS nicht ganz von der Hand weisen konnte (wenn auch zu relativieren versuchte). Bemerkenswert kommt hinzu, dass sich eine ähnliche Intransparenz seitens der Calliope gGmbH zeigt. Ich hatte über dieses Projekt bereits geschrieben. Auch hier scheint die Zahlung von 555.000 US-Dollar seit 2016 seitens Google die maßgebliche Finanzierung zu sein, ohne die Calliope als Produkt wahrscheinlich nicht realisierbar gewesen wäre. Wie im Beitrag zur Calliope gGmbH beschrieben, wurde deren Produkt aus dem ThinkTank D64 heraus gegründet. Dieser ThinkTank wiederum wurde mitbegründet von dem Pressesprecher von Google Deutschland. Diese nun maßgeblich Google-finanzierten Projekte wurden jüngst zusätzlich zusammengeführt, indem man über OpenRoberta auch den Calliope Mini programmieren kann. Das macht aus Sicht von Google natürlich Sinn: so kann man gegenseitig jeweils als „Türöffner“ fungieren, die finanziellen Verbindungen oder gar Abhängigkeiten (?) werden dadurch eher noch intransparenter. Dass dann auch der Durchgriff bis in die Politik im Sinne des „Deep Lobbying“ funktioniert, zeigt sich an mehreren Stellen, an denen Politiker Werbung für die Google-finanzierten Projekte machen. Auf meine Anfrage bei der Kölner Politikerin und zugleich D64-Mitglied Lisa Steinmann zeigte sich, dass die Politikerin wenige Tage vor der NRW-Landtagswahl öffentlich(keitswirksam) in einer Grundschule zu diesem Zweck aktiv war. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Elfi Scho-Antwerpes schwärmt im Bundestag – und es ließen sich noch einige Beispiele mehr finden, die die „Deep Lobbying“-These gegenüber politisch Verantwortlichen stützen.
Die Intensivierung des Ggogle-Engagements für OpenRoberta und die ersten Entwicklungen zu Calliope innerhalb von D64 liegen zeitlich übrigens  nicht unauffällig nah beieinander.

Lobbyismus über Lehreraus- & fortbildung?

Seit 2016 kommt aber eine sehr beachtliche Finanzierung hinzu: 5 Millionen US-Dollar von Google an das IAIS Fraunhofer. Und wenn man schaut, wofür Google diese Finanzspritze über google.org gibt, erfährt man, dass man damit unter anderem Lehrer fortbilden möchte:
„To deliver offline STEM (was in Deutschland oft mit MINT übersetzt wird) and coding trainings to 64,000 primary and secondary pupils and 1,500 teachers.“
Damit bewegt man sich sehr nah an dem, was Prof. Hedtke von der Universität Bielefeld strukturell  an einem anderen aber vergleichbaren Projekt beschreibt und vergleicht:
„Auch wirtschaftsnahe Stiftungen wie etwa die Network For Teaching Entrepreneurship Deutschland e.V. (NFTE) bieten dreitägige Lehrerfortbildungen u.a. im Rahmen staatlicher Einrichtungen und Programme an, die zum Certified Entrepreneurship Teacher (CET) qualifizieren und von beim NFTE ausgebildeten Certified Entrepreneurship Teachers Instructors geleitet werden. Die CET setzen dann in den Schulen den „NFTE-Lehrplan“ um. Allerdings geht es hier nicht nur um unternehmerische Kompetenzen, sondern auch um einen allgemeinen Mentalitätswandel durch die „gezielte Förderung und Motivation zu selbstständige[m] und aktiverem Handeln“.
Wirtschaftsverbände und Konzerne versuchen also nicht nur eigene Fortbildungsveranstaltungen zahlreich und breit anzubieten, etwa über die Arbeitsgemeinschaften SchuleWirtschaft der Arbeitgeberverbände. Neben der Strategie, Schülermaterialien breit in die Schulen zu streuen und Lehrkräfte mit fertig ausgearbeiteten Unterrichtseinheiten zu versorgen, wollen sie vielmehr auch direkt und indirekt auf die staatliche Lehrerfortbildung Einfluss nehmen. Das erinnert an die Praxis der Pharmabranche, die – neben massiver Produktwerbung bei Laien und Professionellen – auch mittels gezielt zugeschnittener, inhaltlich von den Unternehmen kontrollierter Fortbildungsangebote ärztliche Therapiepräferenzen und Medikationen im eigenen Interesse zu beeinflussen versteht.“
Und tatsächlich gibt es seitens des Fraunhofer IAIS ähnliche Strukturen: dedizierte OpenRoberta-Lehrerfortbildungen bzw. -schulungen – so genannte „Roberta-Teacher-Trainings“. Diese werden durchgeführt von „Roberta-Coaches„. Und tatsächlich gibt es für diese „zertifizierten Roberta-Teacher“, die das ihnen Vermittelte in den Schulen umsetzen sollen, auch noch die entsprechende Werbekomponente in Form des „Roberta-Rabatt“ für Lego-Produkte:
„Für zertifizierte und registrierte Roberta-Teacher bietet die Roberta-Zentrale in Kooperation mit LEGO Education Deutschland einen Rabatt auf ausgewählte Elemente des LEGO Mindstorms NXT Systems.“
Kollegen, die mir von solchen Fortbildungen berichten, staunen über teils minutenlange „Werbeblöcke“, die seitens des Referenten eingeflochten werden: Genannt wurde ca. 20x Google, 1x Cornelsen, 20x Calliope, 3x Fraunhofer, 1x Lego, 1x Microsoft. Hier findet also durch wiederholendes Benennen und Anpreisen von Kooperationspartner ein gewisser Werbeeffekt gegenüber LehrerInnen statt. Zu hinterfragen ist, ob solche Veranstaltungen für LehrerInnen überhaupt erlaubt sein sollten, bei denen es ganz offensichtlich ausschließlich um Produkte/Projekte des Veranstalters bzw. seiner Projektpartner geht. Dies hat auch „Die Welt“ bereits 2013 bei mehreren Bildungs-/Kultusministerien am Beispiel Apple nachgefragt. Die meisten Bundesländer sehen solche einseitigen Veranstaltungen für LehrerInnen berechtigt sehr kritisch – aus Rheinland-Pfalz wird ein klares Statement zitiert:
„Für Lehrkräfte im Beamten- wie im Beschäftigtenverhältnis gilt das Neutralitätsgebot. Jede einseitige Unterrichtung und Information ist unzulässig.“
Verschwiegen werden sollte an dieser Stelle nicht, dass mir auch Fortbildungsangebote in der Planung/Vorbereitung bekannt sind, die von unabhängiger und evtl. staatlicher Stelle organisiert und durchgeführt werden sollen, in denen die genannten Google-begünstigten Produkte als eines unter mehreren und auch entsprechend kritisch eingebaut werden sollen.

Fazit

In OpenRoberta stecken offensichtlich viele Google-Millionen, die über die Projekthomepage des Fraunhofer IAIS so nicht offenkundig ersichtlich sind (Stand: Mai 2017). Bei ausbleibender Transparenzbereitschaft – selbstständig oder auf Anfragen – ist anzunehmen, dass diese Google-Finanzierung jede weitere, evtl. vorhandene Teilfinanzierung des Projekts im erheblichen Maße dominieren dürfte. Ist das Fraunhofer IAIS hier mit seinem Namen mehr Aushängeschild und Organisator oder auch finanziell Partner auf Augenhöhe? Seit 2016 werden zudem verschiedene Beteiligungen und Finanzierungen seitens Google strategisch zusammengeführt.
Das Bild, dass sich an dieser Stelle für mich zeichnet, ist dasjenige, dass hier Deep-Lobbying-Strategien erkennbar werden. Das finanzielle Dominieren von auf den ersten Blick gemeinnützigen oder unabhängigen Initiativen, die ihrerseits wiederum erkennbare Schwierigkeiten mit einer umfassenden, finanziellen Transparenz haben, offenbart auch Ansätze des so genannten „Astroturfing“. Mit erheblichen finanziellen Mitteln unterstützt Google Projekte, die mit dazu dienen können, eine bestimmte Haltung in der (Schul-)Bildung zu etablieren. Dabei bleibt man zunächst im Hintergrund und nutzt die unterstützten Projekte vielmehr indirekt. Die Mittel, die dazu gewählt werden – bis aktiv hinein in die Lehrerfortbildung über produktorientierte Seminare -, sind aus meiner Sicht sehr kritisch zu betrachten. So etwas kann finanzmächtigen Branchen oder auch Einzelunternehmen gelingen. Finanzschwache Bereiche können dies natürlich in keiner Weise leisten, so dass für mich naheliegend ist, dass derartige Aktivitäten in Schulen nichts verloren haben, wenn wir es nicht darauf anlegen, dass die dortigen Bildungs- und Erziehungsschwerpunkte sukzessive zu Gunsten derjenigen verschoben werden, die es sich finanziell erlauben können, ihre Themen wie skizziert zu etablieren. Und: Dies ist keine Absage an die Integration digitaler Medien in schulische Bildungsprozesse. Aber: es ist eine Absage an die beschriebene, ökonomisierte Art und Weise – auch hinsichtlich des damit verbundenen Wegdrückens der für ein nachhaltiges Gelingen wichtigen Auseinandersetzung mit kritischen Aspekte.
Wenn die finanzierten Projekte anfangen zu reüssieren, nutzt Google das Engagement auch öffentlicher, um entsprechend wahrgenommen zu werden. In der Presse z.B. in der Form, dass auf meine Anfrage beim rbb (der in der Abendschau vom 05.05.2017 sehr unkritisch zur dortigen Finanzierung einer Bildungsoffensive von Senatorin Scheres mit Unterstützung von Google berichtet) die Redakteurin Boldt-Schüler antwortet: „Es stimmt, Bildung ist Staats- und Länderaufgabe. Aber die notorisch klammen Berliner Schulen können nicht einmal ihre Schulgebäude, Toiletten und Schulhöfe sanieren, da ist es erfrischend, wenn mal etwas läuft.“ Da stellt sich für mich die Frage, warum denn die staatlichen Kassen für Schulen so klamm sind. Vielleicht, weil unter anderem Google kaum Steuern zahlt bzw. bei zweck-/interessensungebundenen Unterstützungen „optimiert“? Und sich stattdessen mit scheinbar wohltätigen, nicht uneigennützigen Aktionen im Umfang eines Bruchteils ihres potentiell „denkbaren“ Steueraufkommens obendrein ein positives Image und direktere Kontakte zu politischen Entscheidungsträgern erkauft? Das Ganze dann unter „Philanthropismus“ zu stellen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: denn freundlich ist man ja offensichtlich nur zu wenigen, ausgewählten Menschen. Was man tun und/oder erfüllen muss, um in den Genuss einer Google-Finanzierung zu kommen, wäre noch einen eigenen Beitrag wert. Alleine ein Blick auf die weiteren Begünstigten auf Google.org lässt erkennen, in welche Richtung Google denkt.
Auf der Grundlage solcher finanziellen Abhängigkeiten, die zudem womöglich nur punktuell und nicht nachhaltig garantiert, als auch verbunden mit direkten oder indirekten Absichten des Gönners sind, sollten wir unsere Schulbildung auch nicht nur teilweise aufbauen. Wenn wie im hessischen Landtag im Rahmen der Anhörungen zum neuen Schulgesetz Wirtschafts-/Unternehmensverbände der Politik frank und frei erklären, dass ohne ihr direktes, interessengelenktes Engagement Schulen nicht mehr funktionieren würden, sollten wir uns Gedanken machen. Umso mehr, wenn Politiker darauf damit reagieren, Sponsoring zur regulären Mitfinanzierungsoption von Schulbildung zu erklären.
Wie sagte der eingangs erwähnte Prof. Engartner in seinem Vortrag mit Blick auf die Bildung in Deutschland dazu recht passend: „Aus dem Volk der Dichter und Denker wird ein Volk der Stifter und Schenker“.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.