Literaturempfehlung: Scheinheilige Stifter

Empfohlen wird:

Matthias Holland-Letz: Scheinheilige Stifter – Wie Reiche und Unternehmen durch gemeinnützige Stiftungen noch mächtiger werden, Köln 2015

Fas aktuelle Werk von Matthias Holland-Letz beschäftigt sich nach seiner ersten Auseinandersetzung mit der BertelsmannStiftung dieses Mal allgemeiner mit dem deutschen Stiftungswesen. Zur Sprache kommen dabei mehrere Stiftungen konkret, wobei im Fokus der Kritik Holland-Letzs aber das deutsche Stiftungswesen im Ganzen steht.

Zur Empfehlung in diesem Blog kommt das genannte Buch aber deshalb, da sich der Autor auch gezielt dem Bildungssektor und dem Einfluss der Stiftungen (allen voran Bertelsmann- und Robert-Bosch-Stiftung) widmet. An zwei Beispielen werden Parallelen zu den USA gezogen. Zum Einen geht es um die in beiden Ländern gleich lautenden „School Tounaround“-Projekte. Zum Anderen wird das USamerikanische „Teach For America“ dem Pendant „Teach First Deutschland“ gegenübergestellt. Weitere Stichworte sind Outputorientierung, Privatisierung, Vergleichstests/-arbeiten und „Selbstständige Schulen“.

Ein weiteres Schwerpunktkapitel ist den Universitäten unter Einfluss gewidmet.

Schließlich wird der massive Lobbyismus der BertelsmannStiftung im Bereich der „Digitalisierung der Bildung“ fokussiert.

Die Bewegung verfolgt einschlägige Ziele: Die Privatisierung vorantreiben, auch im Bildungswesen. Den Staat zurückdrängen. Und in öffentlichen Einrichtungen, einschließlich der Schulen, New Public Management (NPM) einführen. NPM setzt auf Wettbewerb und nutzt Managementkonzepte privater Unternehmen. Die Anhänger des New Public Management sind zudem überzeugt, dass sich die Qualität der von öffentlichen Einrichtungen erbrachten Leistungen – der Output –  messen lässt.

Über „Selbstständige Schulen“ formuliert der Autor richtig:

Elemente des New Public Management finden sich längst auch im deutschen Schulwesen. Einen Meilenstein bildet im Jahr 2001 das Projekt „Selbstständige Schule“ in Nordrhein-Westfalen. Die teilnehmenden Schulen sollen sich aus dem engen Korsett staatlicher Vorgaben lösen und „Autonomie“ ausprobieren. „Selbstständige Schule“ wurde von der Bertelsmann-Stiftung und dem NRW-Schulministerium initiiert – und fand Nachahmer in fast allen Bundesländern. Die Rolle des Schulleiters wandelt sich – weg vom „Ersten unter Gleichen“, dem „primus inter pares“, hin zum allein verantworlichen und machtvollen Schulmanager. Regelmäßige Tests , von PISA bis zu „Vergleichsarbeiten“ (VERA) in den Klassen 3 und 8, zielen darauf, die Leistungen von Schulen zu messen (Output-Orientierung).

Holland-Letzt zeigt deutlich auf, dass die Entscheidungen, Forderungen und Ziele im deutschen Biildungssystem zunehmend nicht mehr dem Allgemeinwohl verpflichtet scheinen, sondern vielmehr die Interessen einer Stiftungslobby unterworfen werden, deren Gemeinnützigkeit angesichts der Zuspitzung, Exklusivität und ideologischen Stoßrichtung mehr als bezweifelt werden kann.

Ich spreche die Empfehlung für das genannte Buch aus, da ich selber direkt erlebe, wie die BertelsmannStiftung und noch deutlicher die Robert-Bosch-Stiftung ihre Macht bei der Themensetzung aber auch der Beeinflussung von Schulen spielen lässt. Nicht zuletzt über den „Deutschen Schulpreis“ werden Netzwerke gestrickt, werden Vorgaben etabliert und Schulen/Lehrer beeinflusst. Dass hier eine klare Vorstellung von Lernen, Bildung vorhanden ist und auch nur in diesem Sinne gefördert wird, ist ziemlich offensichtlich. Aufgezeigt werden nicht viele neue Erkenntnisse. Aber die Zusammenschau und der richtige, aktuelle Blick aufs Bildungswesen – als Schwerpunkt“markt“ vieler Stiftungen – lässt einiges, was sich schleichend in Gesellschaft und Schulen etabliert verständlicher werden.

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