OECD – Lobbyismus vom Profi lernen

Auf erstaunlich unkritische Weise schreibt die ZEIT aktuell über „Geldunterricht“ durch den Verein „Geldlehrer“. Dabei übernehmen Banker, Anlageberater & Co den Unterricht und sollen den Schülern ökonomisches Denken beibringen. Eine für mich absurde Vorstellung – zumal mit dem ideologischen Hintergrund. 2012 war die ZEIT zum selben Projekt noch deutlich kritischer bzw. hat entsprechende Stimmen gewürdigt: Warum ist Sparen wichtig? Beim aktuellen Beitrag habe ich schon etwas gestaunt.

Umso erfreulicher, dass Tim Engartner in der Süddeutschen Zeitung das Thema aufgreift und auch indirekt auf Initiativen wie die „Geldlehrer“ eingeht:

Die teils auf Wochen angelegte Übernahme des Unterrichts durch Externe schadet nicht nur der Reputation des Lehrerberufs, sondern lässt zugleich eine Schieflage zu Lasten solcher Interessengruppen entstehen, die nicht über Ressourcen für schulische Lobbyarbeit verfügen, wie Gewerkschaften, wie Wohlfahrts- oder Umweltverbände.

Während Schleichwerbung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nur ausgestrahlt werden darf, wenn ausdrücklich darauf hingewiesen wird, stehen in der Schule Mitarbeiter von Banken und Versicherungen vor der Klasse, ohne dass Schüler deren Absichten durchblicken können.

Doch – frage ich mich immer wieder – wie kann so etwas überhaupt passieren. Im letzten Beitrag habe ich das bereits angedeutet am Beispiel des Frohlockens von „Schulmarketing“-Agenturen bzgl. OER-Materialien, die man recht einfach mit tendenziösen Botschaften und Inhalten durchsetzen kann. Doch gerade für den Bereich des „Fiananzlernens“ an Schulen im Sinne finanzwirtschaftlicher Mentalität gibt es einen mächtigen Player, der seit einigen Jahren massiven Einfluss auf den Bildungssektor international ausübt: die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Und diese hat vor wenigen Monaten ein Papier veröffentlicht, in dem sie recht deutlich aufzeigt, wie es funktioniert, lobbyistisch auf Schule und Bildung einzuwirken. Aus dieser Schrift „National Strategies for Financial Education: OECD/INFE Policy Handbook“ und deren Kurzfassung ein paar Zitate:

One of the main challenges facing public authorities implementing national strategies is to find ways of changing financial attitudes and behaviours of the population.

Dies ist wohl die Reinfassung dessen, was LobbyControl mit dem Begriff des „Deep Lobbying“ bezeichnet. Es geht ganz gezielt darum, einen Mentalitätswandel in der Gesellschaft zu den eigenen Gunsten/Interessen herbeizuführen. Auf dieser Grundlage wird es dann möglich, Entscheidungsträger zu nachhaltigen Strategien zu bewegen und die eigenen Ziele in Politik, Gesetzgebung und Entscheidungen zu verankern. Hierbei spricht man von „nationalen Strategien“ – schaut also landesspezifisch nach dem geeignetsten Weg. Dennoch identifiziert man seitens der OECD aber bewährte Schritte, die man empfiehlt. Dabei ist der Bildungssektor und die dort anzusprechenden Schüler eine explizite „Zielgruppe“:

National strategies can incorporate these findings on programme delivery within their roadmaps and include guidance on the delivery of financial education programmes.

Der erste Schritt ist dann derjenige des Zugangs zu den gewünschten Informationen. Hierbei geht es darum, Webseiten und Projekte zu etablieren:

The institution(s) leading the national strategy usually develops a dedicated public website to disseminate information and provide educational resources to the general population.

(…)

National strategy websites typically include resources based on a life-stages approach, or centred on the offer of financial products available in the market. Increasingly, these websites also offer sophisticated tools to assist individuals and families in managing their finances. These tools range from budget planning resources to calculators for credit card debt, mortgage repayments or pension entitlements.

Hierzu will man Brands etablieren. Themen sollen gesetzt und etabliert werden. Es geht darum, die entsprechenden Gruppen in den Ländern zu erreichen und über Massenmedien gezielt, unterschwellig anzusprechen. Z.B.:

embedding financial literacy messages within soap operas aired on public television, as in South Africa’s “Scandal” series, which included messages and examples around over-indebtedness (Berg and Zia, 2013).

Derartige Strategien sind auch in Deutschland bereits einmal pressewirksam auffällig geworden, als die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ genau diesen Weg beschritt und ihre Botschaften in Talksendungen und Soap Operas wie „Marienhof“ einkaufte.

Der nächste Schritt, den die OECD den nationalen Lobbyisten in ihrer Publikation empfiehlt, ist das „Accounting for timing and location and harnessing existing learning environments and networks to foster outreach“. Es gilt, den richtigen Zeitpunkt für die Ansprache der „Zielgruppe“ zu finden, um den Mentalitätswechsel möglichst nachhaltig zu gestalten und Flüchtigkeit zu vermeiden. Hierzu möchte man entscheiden Lebensabschnitten von Menschen ansetzen, da man herausgefunden hat, dass

financial education can be more powerful when provided at critical points in the lives of individuals, in order to seize “teachable moments”. The teachable moments harnessed by life-cycle approaches may vary according to specific national circumstances but are typically linked to key steps in the personal and financial lives of individuals and households such as independent living, marriage, buying a home, the birth of a child, or pre-retirement.

Und hier kommt der Schule eine wesentliche Rolle zu:

Effective and successful delivery often uses environments conducive to learning, such as schools.

Hierzu sollen spezielle Personen ausgebildet werden, die möglichst direkten Kontakt zur Zielgruppe haben (siehe „Geldlehrer“ oben):

For the programmes in which the human resource component has a direct interaction with the target audience, such as in workshops or classrooms, the national strategy should promote the proper education and competence of the educators. Trainers and intermediaries should have, or be trained to have, expertise on the subject and on the pedagogic elements of the programme, as well as soft skills such as good communication.

Und das ist tatsächlich etwas, was man immer wieder bei lobbyistischen Initiativen im Bildungssektor beobachten kann. Nach Möglichkeit versuchen die Initiativen direkt in die Schulen zu kommen, Unterricht oder zumindest Projektphasen, unmittelbar zu übernehmen. Alternativ sieht man sehr oft das Bestreben, Lehrer als Multiplikatoren zusammenzuführen, in kontrollierten Settings wie Veranstaltungen, Fortbildungen entsprechend der eigenen Ideen zu beeinflussen und/oder gar auszubilden. So bildet das Network for Teaching Entrepreneuship eigene Certified Entrepreneurship Teacher auf der Grundlage des NFTE-eigenen Curriculums aus:

Auch wirtschaftsnahe Stiftungen wie etwa die Network For Teaching Entrepreneurship Deutschland e.V. (NFTE, vgl. Fußnote 17) bieten dreitägige Lehrerfortbildungen u.a. im Rahmen staatlicher Einrichtungen und Programme an, die zum Certified Entrepre- neurship Teacher (CET) qualifizieren und von beim NFTE ausgebildeten Certified Entrepreneurship Teachers Instructors geleitet werden26. Die CET setzen dann in den Schulen den „NFTE-Lehrplan“ um. Allerdings geht es hier nicht nur um unternehmeri- sche Kompetenzen, sondern auch um einen allgemeinen Mentalitätswandel durch die „gezielte Förderung und Motivation zu selbstständige[m] und aktiverem Handeln“.

Wirtschaftsverbände und Konzerne versuchen also nicht nur eigene Fortbildungsver- anstaltungen zahlreich und breit anzubieten, etwa über die Arbeitsgemeinschaften SchuleWirtschaft der Arbeitgeberverbände. Neben der Strategie, Schülermaterialien breit in die Schulen zu streuen und Lehrkräfte mit fertig ausgearbeiteten Unterrichts- einheiten zu versorgen, wollen sie vielmehr auch direkt und indirekt auf die staatliche Lehrerfortbildung Einfluss nehmen.

http://www.iboeb.org/moeller_hedtke_netzwerkstudie.pdf

Apple trommelt Lehrer zusammen und schult sie „Apple Distinguished Educators (ADEs)“ und einige KollegInnen (auch in Deutschland) sind stolz darauf, „Microsoft Innovative Educator (MIE) Expert“ zu sein. Es gibt diverse weitere Beispiele, bei der diese OECD-Strategie offensichtlich erfolgreich etabliert wird.

Some effective financial education programmes also make use of existing networks of intermediaries that can deliver financial education and act as a trusted source. Communications directed towards a specific target group may benefit from conveying information and education through trusted and known sources, and by identifying for each of the target audiences of the national strategies also a group of programme deliverers that is most suited to that group.

Was ist das wohl geflügelste Wort derzeit in Schulen?: Kompetenzen. Und das ist die Welle auf der auch der Lobbyismus mitreitet, wenn betont wird, dass man weniger Wissen um Finanzbildung transportieren möchte, sondern es darum geht Handlungen der „Zielgruppe“ zu beeinflussen und zu verändern. Dies funktioniert besonders gut bei Schülern und jungen Menschen:

Effective financial education programmes focus on the development of attitudes and skills and not simply on the provision of knowledge. This can be achieved by building on financial competencies early in life (notably through the introduction of financial education in schools and/or targeting young people).

(…)

Embedding financial education in games and competitions is also increasingly adopted when targeting young people.

Genutzt werden dazu sehr gerne Wettbewerbe, die in Schulen ausgerichtet wird. Auch hierzu gibt es zahlreiche Beispiele in Deutschland – wie z.B. SchulBanker (ZDF-Frontal-Bericht). Die OECD zeigt sich beispielhaft stolz bezüglich eines gelungenen Projekts in Kooperation mit dem portugisischen Bildungsministerium:

In Portugal, the National Council of Financial Supervisors, in partnership with the Ministry of Education and Science, organise each year a national competition for schools, rewarding the best financial education projects for each stage of education.

(…)

In Portugal, the National Council of Financial Supervisors in partnership with the Ministry of Education organises a national competition for schools, with a view to encourage teaching of financial education and raise students’ awareness on the importance of financial literacy.

Besonders „perfide“ an diesem Beispielprojekt, das vorbildhaft für die Arbeit in Schulen im Sinne der OECD, sein soll: Die Preisgelder für die Gewinner werden nicht direkt ausgezahlt. Die Schulen bekommen zunächst die Hälfte, die andere Hälfte aber erst am Ende des kommenden Schuljahr, wenn die im Wettbewerb „erlernten“ Haltungen, Ziele auch umgesetzt wurden. Hier sieht man wieder die ständigen versuche, der Engführung:

The five prizes in this competition consist of books and school materials and are awarded according to a two- stage process: half of the prize is granted at the start of the school year, while the other half is only given at end and subject to confirmation by the selection panel that the project goals were met.

Und dann widmet das OECD den Schulen ein ganz eigenes Kapitel, denn – und das stellt man eingangs ganz deutlich heraus:

Young people are the primary target group in the majority of national strategies. This is attributable to the advantages provided by reaching out to an entire generation before adulthood as well as on the potential positive spill- over effects on parents as well as the community (OECD, 2014a). Moreover, nurturing more sound financial culture and behaviours is easier in an environment conducive to learning, such as schools, and among young people.

Wer an dieser Stelle noch behauptet, die OECD betreibe keinen „Lobbyismus an Schulen“, sollte den zitierten Absatz nochmals lesen. Und direkt bezieht man sich natürlich unmittelbar auf die Erfolge,m die man diesbezüglich mit der PISA-Studie 2012 erzielt hat.

Für die OECD ist es hinsichtlich ihrer Zielerreichung zunächst weniger relevant, ob Finanzbildung dabei in einem eigenen Fach etabliert oder in bestehende integriert wird:

Financial education is either introduced as a stand-alone subject or through a cross-curricular approach, in which financial education is taught as part of other subjects such as mathematics or social sciences.

Erreicht werden soll aber JEDES Kind und  nicht nur einzelne (z.B. in Projekten). Dies erreicht man aus Sicht der OECD am besten, indem man Finanzbildung übergreifend – möglichst auf nationaler Ebene – festschreiben lässt – z.B. von den Kultus-/Bildungsministerien:

The Guidelines indicate that financial education can be integrated into school curricula as part of a wider co- ordinated national strategy involving the community, should be targeted at every child within the jurisdiction and should be preceded by an assessment of the status and level of financial literacy of young people. They also recommend the involvement of the Ministry of Education and education stakeholders. Moreover, the Guidelines suggest flexible modalities capable of adapting to national and local circumstances.

Hierzu gibt man 5 Empfehlungen heraus, die in den USA bereits Anwendung finden:

  1. Introduce key financial education concepts early and continue to build on that foundation consistently throughout the K-12 school years. In addition, CFPB encourages states to make a stand-alone financial education course a graduation requirement for high school students;
  2. Include personal financial management questions in standardized tests;
  3. Provide opportunities throughout the K-12 years to practice money management through innovative, hands-on learning opportunities;
  4. Create consistent opportunities and incentives for teachers to take financial education training with the express intention of teaching financial management to their students;
  5. Encourage parents and guardians to discuss money management topics at home and provide them with the tools necessary to have money conversations with their children.

In verschiedenen Beispielen aus mehreren Ländern wird dann aufgezeigt, wie bereits erfolgreiche Projekte etabliert werden konnten. Insgesamt wird aber deutlich, dass das, was die „Geldlehrer“ und andere Initiativen im Bereich der Beeinflussung ökonomischer Bildung auch in Deutschland betreiben, keineswegs Einzelfälle sind. Auch die mehr als deutliche Vernetzung der Einzelprojekte unter „Brands“ (wie die OECD es empfiehlt) wie SchuleWirtschaft oder „Unternehmergeist macht Schule„, die dann konzertiert an die entsprechenden Entscheidungsträger in Politik und Bildungsministerien herantreten, zeigt, dass strategisch vorgegangen wird. Das Strategiepapier der OECD kann dabei als Blaupause verwendet werden, nach der dann in den Ländern angesetzt wird. Dabei geht es nicht darum, Verschwörungtheorien zu stricken, sondern aufzuzeigen, dass in gewissen Kontexten bzw. auf gewissen Ebenen Vorgehensweisen ersonnen werden, eigenen Ziele über einen gesellschaftlichen Mentalitätswandel durchzusetzen – und das bereits mit der Hauptzielgruppe der Schule bzw. der Jugendlichen.

 

 

 

 

 

3 Kommentare

  1. Hallo Herr Scheppler,

    was sehen Sie für ein Problem darin, jungen Menschen mehr Kompetenzen in Bezug auf sinnvolles Umgehen mit dem Geld zu vermitteln? Aus dem Text der OECD geht m.E. nichts anderes als diese doch löbliche Absicht hervor. Nach Statista entfielen immerhin 16,16 % der Privatinsolvenzen auf die Altersgruppe zwischen 18 und 30. (2015). Das waren absolut 17440 Fälle. Oft wegen Abschlusses nicht bezahlbarer Ratenverträge. Was ist Ihre Alternative?

    1. Die Problematik besteht nicht in der Absicht, „sinnvolles Umgehen mit dem Geld zu vermitteln“.
      Problematisch wird es eher, wenn man hinsieht, wer diesen Umgang vermittelt/vermitteln will. Und noch problematischer wird es, wenn man hinschaut, auf welche Art und Weise dies getan wird. Recht deutlich ist dies nachzuvollziehen an dem von Ihnen veröffentlichten Lehrbuch „Von der Idee zum Ziel“, das zu Recht inzwischen für den Einsatz in Schulen seitens des Hessischen Kultusministeriums verboten wurde.
      Wenn das nachvollziehbare Ziel dazu verwendet wird, einzelne Unternehmen oder wirtschaftspolitische Denkweisen zu bewerben und/oder einseitig zu propagieren – wie auch in Ihrem Schulbuch sogar mit Ihrem eigenen Unternehmen und Förderern Ihres Vereins -, dann ist das nicht vereinbar mit schulischer Bildung am Maßstab des Beutelsbacher Konsens.

      Wenn das „Erlernen des Umgangs mit Geld“ Bestandteil schulischer Bildung sein soll (oder deren Anteil ausgebaut werden soll), ist das Bestandteil eines demokratischen Aushandlungsprozess. Und nicht von Einzelnen vorbei an der demokratischen Willensbildung über privatwirtschaftlich geförderte Projekte in die Schulen zu schleusen.

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